Das alte "Gälterchinde"



Schon 78 Jahre auf dem Buckel. Viel gesehen, viel erlebt. 78 Jahre, - und ich realisiere: Mein "Data" läuft langsam ab! Heute - morgen - oder werde ich vielleicht hundert Jahre alt? Wer weiss das schon?  Deshalb möchte ich hier und jetzt von früher erzählen, solange ich dies noch kann; doch wie fange ich an? Am Besten, wie bei jedem Smalltalk mit dem Wetter.

Der Winter steht vor der Tür. Wird es ein "Winter"? In meiner Kindheit gab es jeweils meistens noch echte Kälte bis minus 20° und bis 50 cm. Schnee. Auf dem Tennisplatz wurde Eishockey gespielt und Skifahren konnte man jeden Hügel runter. Schlitteln, vom Köpfli-Aussichtspunkt bis in die Strehlgasse, von der Flue über die Kirchenbrücke bis auf den Dorfplatz den Badweg runter usw., denn die Dorfstrassen wurden weder gepflügt noch gesalzen. Ich mag mich noch erinnern, dass der Schneepflug ein Holzdreieck war, auf dem zur Beschwerung Männer sassen und der von sechs Pferden gezogen wurde und nur auf den Kantonsstrassen zwischen den Dörfern eingesetzt wurde, denn Autos gab es nur wenige.
Autos besassen meistens nur Ärzte, denn Ärzte waren Hausärzte, welche die bettlägerigen Patienten auch noch zu Hause besuchten oder Tierärzte, Viehärzte genannt, die fast nur Grossvieh, Kühe und Pferde, auf den Bauernhöfen behandelten. Hamster, Meerschweinchen und anderes Kleinvieh gab es wenig und musste noch ohne ärztliche Hilfe leben und sterben.

Das Dorf war noch verdrahtet. Telefon und Elektrizität war noch nicht im Boden versteckt. Überall hing ein Gewirr von Drähten in der Luft, sehr zur Freude der Schwalben, welche es noch zu Hunderten gab und die sich im Herbst zum gemeinsamen Abflug nach Afrika darauf sammelten.
Zum Telefon bemerkt, es gab noch keine Smartphones. Die wenigsten Häuser hatten Festnetzanschluss. Wenn der Vater den Vieharzt rufen musste, dann ging er ans Telefon beim Bossert Willi oder zum Hemmig Schreiner.  

Der Begriff WC war noch nicht geboren; man nannte es "Hüsli", "Abtritt" und es war ein sogenanntes Plumpsklo, ein Brett mit rundem Loch, bei welchem der "Profit" ins Güllenloch fiel und später zum umweltfreundlichen Düngen des eigenen Schrebergartens verwendet wurde, denn zu jeder Wohnung gehörte ein Garten, der zur selbst Versorgung mit frischem Gemüse diente. Auch die Zeitung, ("Volksstimme") wurde bei diesem "Geschäft" umweltgerecht wiederverwendet. --- Später wurden die Klärgruben aufgehoben und alles spülte man unbehandelt direkt in den Bach. Aus den Augen aus dem Sinn, -welcher Unsinn, welche Sauerei!
Plumpsklo
Waschtag war der grosse Stress für die Frauen. In der Waschküche musste der Waschhafen für heisses Wasser angefeuert werden. Mit Kernseife und Waschbrett und viel Muskelkraft wurde die Wäsche endlich sauber. Anschliessend das grosse Fest. Man hatte noch etwas warmes Wasser. Nun wurde nach einander gebadet in der blechernen, freistehenden Badewanne, denn wir hatten kein Badezimmer, keine Douche, keinen Boiler. Die tägliche Körperpflege wurde mit Waschlappen und kaltem Wasser bewältigt. Ich erinnere mich an die grosse Freude der Mutter, als ein Boiler, eine elektrische Waschmaschine, eine Tiefkühltruhe, ein Badezimmer mit WC und der Telefonanschluss endlich ins Haus kamen.

Gelterkinden hatte nie viel Industrie. Die Maloya, die Seiler Bandfabrik, die Bally Schuhfabrik, die Gerberei Baader und die Nordwestverbands-Mühle, heute Landi genannt. Jedoch waren an der Rünenbergerstrasse gleich drei Schreinereien, Schneider Hans, Lebrecht Ernst und Hemmig Paul. Zur Mittags- oder Feierabendzeit war die Rünenbergerstrasse voll von Velofahrern und Fussgängern, denn ein Auto war für einen Schreiner ein unbezahlbarer Luxus.

Früher hatte das Dorf noch einen Dorfpolizisten und Ausrufer, den "Rüedi Max". Max Rüdin war mit Velo und Glocke unterwegs und verlass an Kreuzungen und Plätzen mit fester Stimme die Gemeindenachrichten. Wenn in trockenen Sommern sich das Reservoir langsam leerte, dann gebot er zum sparsamen Verbrauch vom Wasser und verbot das Rasen wässern.
(Übrigens, ausgetrocknete Bäche, wie sie jetzt fast jeden Sommer vorkommen gab es früher fast nie.) 
Auch Werbung für ansässige Gewerbebetriebe wurde von ihm verbreitet: "Heute Abend von fünf Uhr an, Blut- und Leberwürste, beim Zimmermann zum Bären, beim Bieder zur Traube, beim Däni zur Eintracht, beim Schärer zum Rössli usw.!"

Einmal im Monat war Müllabfuhr. Mit Ross und Wagen "Glöggeliwaage" wurde der Abfall weg geführt. Im Kipp abgeladen und mit Bauschutt und Aushub zugedeckt. Aus den Augen aus dem Sinn - und im Kipp lagert nun eine ökologische Zeitbombe gleich hundert Meter neben unserem Pumpwerk Wolfstiege!!!

Glöggeliwaage
Bevor sich Migros und Coop breit gemacht haben, gab es im Dorf einige Kolonialwarenläden und Spezereihandlungen von Usego, Villars und anderen - der Schaub Gusti, der Rickenbacher Fritz und weitere. Verschwunden, rentierten nicht mehr.

Der Briefträger erschien zweimal täglich, morgens und abends. 1948 wurde die Alters- und Hinterlassenenversicherung, AHV angenommen. Nun wurde der Briefträger noch zum Geldbriefträger. Es gab nur Sparbüchlein, keine Bankkonten wie heute. Die Rentenbezüger erhielten ihre Monatsrente per Post ins Haus, auf die Hand ausbezahlt. So bekam meine Grossmutter, welche nie in die Rente einbezahlt hatte zu ihrer Freude jeden Monat einen kleinen "Batzen".

So, - man könnte bestimmt noch vieles erzählen,  das ich vergessen habe. - Was werden wohl die heutigen Jungen in 50-70 Jahren alles erlebt haben, Dinge, die wir uns nicht vorstellen können? Vielleicht, dass man Materie und Düfte in sekundenschnelle drahtlos um die Erde versenden kann (beamen)?!
Mein Vater meinte mal voraussehend, dass man vielleicht mal beim Telefonieren den Gesprächspartner auf einem Bildschirm sehen kann. Und wirklich, nun können wir die Antipoden bei Anrufen in Echtzeit beim Plappern beobachten. Wie sagt uns doch die Werbung: "Nichts ist unmöglich".

Kommentare

Kommentar posten

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ehrlichkeit macht sich - "bezahlt"!

Mein Hausbau

The story of John Jacob Benepe alias Johann Jakob Pümpin