Bestatter


Leichenzug mit von Pferden gezogenem Leichenwagen.

Die Frau von Fritz Meier-Pümpin war meines Vaters Cousine. Götti Fritz war mein Pate. Er wohnte am Kirchrain 15 in Gelterkinden im Bauernhaus, gleich unterhalb der Kirche.  Sein Beruf war Landwirt. Er war im Nebenerwerb von der Einwohnergemeinde Gelterkinden als Bestatter, "Totengräber" angestellt.

Eines Tages fragte mich Götti Fritz an, ob ich ihm beim Erstellen eines Grabes helfen könne, was ich gerne tat.  Es war mitten im Winter und es war a..kalt.  Der Wind wehte stark aus Osten, die sibirische Biese!  Der Boden war fest und tief gefroren.  Damit der Boden auftaute, hatte Götti Fritz deshalb am Tag zuvor an der Grabstelle ein Feuer gemacht.  Dazumal hatte die Gemeinde noch keinen kleinen Bagger, Schaufel, Pickel und Muskelkraft waren gefragt.  So fingen wir an bei der noch heissen Asche zu graben und hatten so warme Füsse, was man von Händen und Körper nicht sagen konnte.  Die Devise war:  "-schaffen oder frieren-".  Das Aushubmaterial musste aufgeschichtet und sofort gut vor dem Gefrieren geschützt werden, denn anderntags brauchte man es wieder zum Auffüllen des Grabes.

Schnell hatten wir die halbe Tiefe.  Nun musste ich alleine weitergraben und Götti Fritz nahm oben den Aushub ab, versorgte ihn und schützte ihn vor der Kälte.  Als ich fast die richtige Tiefe erreicht hatte geschah etwas Unheimliches.  Ich schlug den Pickel mit aller Kraft in die Erde und als ich ihn zurückzog hing an seiner Spitze ein Schädel.  Es war der Überrest der vorherigen, vor dreissig Jahren hier vergrabenen Leiche.  Die Pickelspitze war tief in die Augenhöhle, in den Schädel eingedrungen und am Hinterkopf ausgetreten.  Ich musste ihn gewaltsam vom Pickel befreien

Wenn es auch nur ein Knochen eines längst Verblichenen war, es erschreckte mich dennoch, denn ich stellte mir vor, das wäre vor dreissig Jahren passiert; aber da war ich ja noch nicht auf dieser Welt!  Beim Weitergraben kamen noch viele alte Knochen und Knöchelchen zum Vorschein, welche Götti Fritz einsammelte und in einem Kübel zwischenlagerte.  Diese Überreste der vorherigen Leiche wurden dann anderntags zu Füssen der neuen Leiche wieder beerdigt.

Mit dem neuen Tag änderte sich das Wetter gewaltig, es wurde langsam zwanzig Grad wärmer.  Der Wind drehte von Osten nach Westen.  Das kontinentale Klima änderte sich von der sibirischen Kälte auf das maritime, atlantische Golfstrom  Wetter.

Die Kirchenglocken kündeten nun die Ankunft des Leichenzuges an.  Die Verstorbenen wurden erst vor der Beisetzung von zu Hause mit Pferd und Leichenwagen abgeholt, begleitet von dem langen Zug der Trauernden.  Auf dem Friedhof wurde der Sarg abgeladen und mit Seilen in die Grube abgesenkt.  Nun verstummten die Kirchenglocken.

In diesem Augenblick trafen die beiden Luftströme aufeinander.  Es donnerte, blitzte und ein Schneesturm kam wie aus dem Nichts.  Der Pfarrer hielt die Grabrede ganz kurz, betete und lud die Trauergäste in die schützende Kirche zur Abdankung ein.  Der Platz vor dem Grab leerte sich schnell und wir konnten mit dem Auffüllen der Grube beginnen.  Doch es wurde noch schlimmer.  Der Schnee wechselte auf Regen und es goss wie aus Kübeln auf uns hernieder.

Schnell, Schaufel auf Schaufel in die Grube etwas verdichten und bald war das Erdloch aufgefüllt.  Nun nur noch das Holzkreuz mit dem Namen des Verstorbenen auf der Kopfseite des Grabes einschlagen, die Kränze mit den Schleifen um das Grab drapieren und unsere Arbeit war getan.  Auch das Gewitter war am Ende und wir waren pudelnass vom Regen oder vom Schweiss, der  unter der Regenkleidung gestauten Körperhitze .  

Nun unter die Douche, wir haben es verdient.  Doch vor sechzig Jahren gab es nur in den Neubauten den Luxus eines Bades mit Douche.  Alte Bauernhäuser kannten so was noch nicht.  So musste ich meinen Schweiss mit einem Waschlappen mit kalten Wasser abwaschen.  Rein in frische trockene Kleider und das Abenteuer "Totengräberei" war beendet.

Ich half Götti Fritz dann später noch zwei mal.  Wenn gleichentags zwei Personen verstarben kam der Bestatter in Stress und brauchte Hilfe.  Der "Göttibueb" half jedoch jeweils gerne.  Vor sechzig Jahren gab es noch keine Leichenhalle zum Kühlen der Toten.  Die Verstorbenen wurden zu Hause "gelagert" und erst zur Beerdigung mit Ross und Leichenwagen abgeholt.  Besonders zur heissen Jahreszeit war dies jedoch ein grosses Problem, denn schnell setzte die Verwesung ein.  Die Beerdigung musste deshalb möglichst bald erfolgen um damit den Leichengeruch in der Wohnung zu vermeiden.


Leichenwagen der Gemeinde Gelterkinden im Museum "Hörnli".

Zum Schluss noch ein Ausspruch meines inzwischen seit Jahrzehnten verstorbenen "Götti Fritz": "Man bringt eher eine Wildsau in eine Kirche, als einen Pfaff ohne Lohn".

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