Kantonsumgang


Meine Umkreisung des Baselbieter Kantonsbannes.


Vorgeschichte.
Als ich um die vierzig Jahre alt war, begannen meine Hüften zu schmerzen, mal die Rechte, mal die Linke und mal beide zusammen.  Ein Röntgenbild brachte es an den Tag: An beiden Gelenken war der Knorpel stark geschädigt, man konnte sagen total verschwunden.  Dank Voltaren-Pillen ging es mir bald etwas besser.  Wenn es unerträglich wurde, wurde die Dosis wieder mal um einige Milligramm erhöht, bis zum täglichen Maximum.
Im November 1986 war es dann soweit, dass es wirklich nicht mehr ging.  Der nackte Knochen rieb in der Hüftgelenkpfanne.  Die Schmerzen fesselten mich ans Bett.  Auch verursachte mein Voltaren starke Nebenwirkungen, tägliches Nasenbluten, trockene, schmerzende Augen und einen empfindlichen Magen.
Professor Doktor Ochsner entschied, dass ich trotz meines "jugendlichen" Alters von noch nicht fünfzig Jahren sofort operiert werden müsse, Hüftprothesen und zwar gleich beidseitig!  So kam es, das ich anfangs Januar 1987 rechts eine neue künstliche Hüfte und nach Ostern links ein neues Gelenk bekam.  

Im Juli fühlte ich mich dann wie neu geboren.  Nachdem die Operationsschmerzen verschwunden waren konnte ich wieder meilenweit, stundenlang und schmerzfrei gehen.  Es war wie Tag und Nacht!  Da erwachte in mir eine Idee, ich werde unseren Kanton umrunden, zu Fuss umwandern! 

Die Planung des Abenteuers
Ich suchte meine Schüler-Kantonskarte hervor besorgte mir einen Kompass und ein kleines Rucksäcklein.  Wanderhosen, rote Socken und Wanderschuhe brauchte ich nicht.  Meine Jeanshosen und meine alltags Strassenschuhe tun es auch, denn ich hasse hohe Schuhe, welche ich im Militärdienst als Blasenerzeuger kennen gelernt hatte.  Ich ging immer nur bei guter Wetterprognose auf Tour.  Schlechtes Wetter war tabu.  Im Rucksack einen "Klöpfer" mit Brot und eine Flasche mit Tee.  Handys gab es zu jener Zeit, achtziger Jahren, noch nicht.  Der Spazierstock des Grossvaters kam auch zu ehren.  Zum Start und ab Ziel fuhr ich mit dem ÖV, dem U-Abo, mit Postauto, SBB und Waldenburgerli jeweils auch wieder nach Hause.  Im Herbst 1993 war es dann soweit.  Ich hatte die Kantonsgrenze in 14 Etappen eingeteilt.

Die Etappen: 
-1.  Mit dem Postauto gings an die Grenze Anwil-Kienberg.  Nun gings über Feld bis hinauf zum Waldrand, dann ein steiler Aufstieg zur Geissfluh und ein Abstieg zur Schafmatt.  Weiter über den Zeglingerberg, hinunter zum Wisenbach im Wisental, hinauf auf den Wisenberg und hinunter über die Hupp zum Adlikerrank.  Von Läufelfingen gings dann mit der Bahn nach Hause.  Die erste Etappe ist geschafft.

-2.  Vom Adlikerrank gegen die Frohburg hoch und hinunter nach Hauenstein, wieder hoch und über Schmutzberg, Challhöchi zum Bölchen und schliesslich hinunter nach Bärenwil und Zielort Langenbruck.

-3.  Von Langenbruck hinauf zur Breitihöchi, und zum Chellechöpfli, dem höchsten Punkt im Baselbiet.  Dann Wasserfallen, Vogelberg, Passwang, Bogental, Nunningen.  Eigentlich wollte ich nach Bretzwil, aber im immer dichter werdenden, bis faustdicken Nebel, verlief ich mich, dem fernen Licht folgend, ins Solothurner Nachbardorf .

-4. Von Bretzwil ging es der "Schwarzbueben"Grenze nach, am berühmt berüchtigten Dorf Seewen vorbei, wo 1976 ein, bis heute unaufgeklärter fünffach Mord stattfand und dann dem Orisbach entlang bis zum Solothurnischen Neu Nuglar.

-5.  Nun ging es nach oben, auf die Hochebene bei Nuglar und immer dem Rand des Hochplateaus entlang zur Schauenburg.  Dann hinunter, am Goetheanum vorbei, um Dornach herum bis zum Zielort Aesch.

-6.  Erst am 1. Januar 1994 wird das Laufental Baselbieterisch. Ich okkupiere es schon im Herbst 1993.   Also geht es weiter der Solothurnisch Bernischen Grenze nach. An der Gedenkstätte des Flugzeugabsturzes bei Duggingen vorbei bis hinauf nach Brislach.

-7.  Weiter das Laufental hinauf  am Chessiloch bei Grellingen mit seinen Felsmalereien vorbei ("Röseligarte") zum Chaltbrunnental und bis Liesberg.

-8.  Bald nach Liesberg standen auf Verkehrstafeln Französische Namen.  Nach langem wandern der Solothurner, Berner Grenze nach war nun die andere Seite Kanton Jura.  Eine lange Strecke schlängelte sich die Grenze der Birs entlang und führte dann nach Roggenburg hinauf, an der Motocrossstrecke vorbei.

-9.  Von Roggenburg führte die Tour eine Zeit lang der Französischen Grenze nach um dann wieder der Solothurner Exklave zu folgen. Mein Ziel hiess Röschenz.

-10.  Von Röschenz ging es auf die Challhöchi an Burg vorbei, über die Bergmatten, den Blauen und hinunter ins Solothurnische Hofstetten.  

-11. Von Hofstetten gings in grossem Bogen nach Westen wieder an die Franzosengrenze. Danach hiess es Neuwiller zu umrunden. Um das Elsässerdorf Neuwiller macht die Grenze fast einen Kreis.  Da kamen mir zwei Zöllner auf Streife entgegen.  Sie wollten meinen Ausweis sehen und einen Blick in mein Rucksäckli werfen.  Sie fragten mich aus über den Grund meines Aufenthaltes an der Grenze.  Nachdem ich Ihnen den Grund, die Kantonsumrundung "gebeichtet" hatte, liessen sie mich mit den besten Wünschen weiterziehen.  Nun die Umrundung der in Frankreich hinein reichenden Ausbuchtung "Schönenbuch" und Ende der Tagestour in Allschwil.

-12.  Danach von Allschwil nach Binningen am Zoo vorbei, gegen das Bruderholz, die Grün80 an die Birs bis zur Mündung in den Rhein (Birsköpfli). Jetzt war ich am tiefsten Punkt des Kantonsbannes und damit meines Abenteuers.  Nun der Deutschen Grenze, dem Rheinbord entlang bis nach Augst. Diese 12. Etappe war lang, jedoch ohne Auf- und Abstieg, dennoch nahrhaft.

13.  Ab Augst ging es der Aargauer, Fricktaler Grenze nach, an Augusta Raurica vorbei, immer dem Violenbach entlang hinauf nach Olsberg, an Hersberg, Nusshof, Wintersingen, Magden vorbei bis herunter nach Maisprach.

-14.  Bei Maisprach gings den Sonnenberg hoch, an Buus, Hemmiken vorbei zum Asphof bei Rothenfluh, über den Rothenfluher Berg der Wittnauer Grenze nach, runter an die Wittnauerstrasse.  Hier wechselt der Grenzname wieder mal auf Solothurner Grenze.  Nun ging es zum letzten Mal steil nach oben zum Anfangs- und Endpunkt, Postautohaltestelle Kreuz Kienberg an der Anwiler Grenze. - Geschafft! - 

Bei diesem letzten, steilen Aufstieg passierte etwas.  Ich blieb an einer Wurzel hängen und fiel hin.  Mir ist dabei nichts passiert aber mein rechter Halbschuh hatte Totalschaden.  Auf halbe Länge hatte sich die Sohle vom Oberleder getrennt!  Ich band ihn zusammen mit einer Efeuranke.  Dies hielt nur kurz. Ein im Wald arbeitender Wellenmacher kam mir zu Hilfe und flickte den Schuh mit einem Wellendraht notdürftig, so dass ich den Rest doch noch beenden konnte.  Bis auf die letzten paar hundert Meter ist nie was passiert; dies nennt man Glück.

Was ich heute anders machen würde: 
 - Ich würde die Walkingstöcke zum besseren Wandern mitnehmen. 
 - Natürlich würde ich auch mein Smartphone mitnehmen.  
Erstens, als Retter in der Not, falls mir etwas passieren würde. 
Zweitens, zum Fotografieren der Sehenswürdigkeiten, als bleibende Erinnerung.
Und drittens, als Diktaphone, zum Erstellen einer gesprochenen Reportage.
So hätte ich diese Geschichte nicht nach so vielen Jahren als Gedächtnisprotokoll erstellen müssen und hätte sie mit mehreren Bildern auflockern können!

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